Eine chronologische Übersicht über die Wohnhäuser der Samuels zu erstellen, ist nicht ganz einfach. Einerseits spielen bei dieser Darstellung die großen Verwerfungen in der Inflationszeit 1922/23 und die nachfolgende Weltwirtschaftskrise eine wichtige Rolle, andererseits wirkte sich die politische Machtergreifung der Nazis auf die Wohnsituation der Samuels aus.

Leider gibt es kaum Dokumente mit konkreten Jahreszahlen, die darüber Auskunft geben, in welchen Zeiträumen einzelne Häuser genutzt worden sind. Daher können wir die Nutzungsdauer der Häuser teilweise nur schätzen.

Im Jahr 1917, also noch vor dem Ende des 1.Weltkrieges, zog das Ehepaar Samuel von Stade nach Cadenberge. Eugenie und Arthur waren beide 37 Jahre alt und es ging ihnen darum, sich in diesen unsicheren Zeiten eine solide geschäftliche Existenz als gemeinsame Lebensgrundlage aufzubauen. Cadenberge war in der gesamtem Region bekannt als Standort für bedeutende Märkte und Arthur sah die große Chance, als selbstständiger Viehhändler hier seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Wohnhaus Langenstraße 18

Das erste Wohn- und Geschäftshaus erwarb das Ehepaar im Jahr 1919 in der Langenstr. 18.
1924 wurde es allerdings schon wieder veräußert. Das Gebäude besteht heute nicht mehr und wurde durch ein Mehrfamilienhaus ersetzt.

Häuser und Grundstücke Finkenhörne 3 – 5

Bereits 1920 erfolgte der nächste Immobilienkauf in Form der Gebäude und Grundstücke mit der Adresse Finkenhörne 3-5. Dieser Kauf war wohl zielgerichtet geplant, weil die Grundstücke in unmittelbarer Nähe der großen Viehmärkte lagen, die regelmäßig entlang der gesamten Bahnhofstr. abgehalten wurden. Auf dem neuen Besitz wurde hauptsächlich Vieh in Scheunen gehalten, das angekauft wurde oder zum Verkauf bestimmt war. Ein Wohngebäude war auf dem Grundstück nicht vorhanden.

Wohnhaus Stader Str. 7

In diesem schönen Gebäude, das auch die weiße Villa genannt wurde, lebten Arthur und Eugenie Samuel einige Jahre wahrscheinlich zur Miete (geschätzt von ca. 1920-1923), bis sie ihren Neubau in der Bahnhofstr. 2 beziehen konnten.

Wohn- und Geschäftshaus Bahnhofstraße 2 (heute noch Apotheke)

Eine entscheidende Möglichkeit zur Erweiterung der Geschäftstätigkeit bot sich für die Samuels mit dem Erwerb des Eckgrundstücks Bahnhofstr. 2/ Finkenhörne, auf dem ein Fachwerkhaus mit Strohdach stand, welches 1853 als Gastwirtschaft vom Getränkelieferanten Johann Tiedemann gebaut wurde. Nach kurzzeitigen anderen Besitzverhältnissen kaufte Arthur Samuel das Areal im Jahr 1923 und ließ das alte Gebäude abreißen. Daraufhin wurde – für Cadenberger Verhältnisse eher ungewöhnlich – ein Architekt aus Cuxhaven mit dem Entwurf für den Neubau eines attraktiven Wohn- und Geschäftshauses beauftragt. In Planung kam ein großzügiges Gebäude mit äußerem Treppenaufgang, Erkern und Fensterläden. Ein Objekt, dass aufgrund seiner Lage nahe am Ortseingang sofort ins Auge fiel. Eine regional historische Darstellung beschrieb das Gebäude als ein Haus, das „in seinem Stil über die damals übliche Bauweise hinausging“. Das Ehepaar bewohnte diese kleine „Villa“ nur von ca. 1924 – 1928.

Bahnhofstr. 2 – Das nach 1923 errichtete Wohn- und Geschäftshaus der Samuels
(Foto: Privat)

Zu den Hintergründen des Hausverkaufs

Vielen ist bekannt, dass Arthur Samuel gezwungen war, sein Haus Bahnhofstr. 2 zu verkaufen und sehen dabei den Zusammenhang des Verkaufs mit seiner rassistischen Verfolgung durch die Nazis.

Diese Auffassung ist naheliegend, weil die Nazis das Handelsgeschäft des jüdischen Viehhändlers Arthur Samuel mit allen Mitteln unterbunden haben. Somit stand er ohne Einkünfte da und konnte sein Haus kaum mehr unterhalten. Das könnte ein wichtiger Grund für den Verkauf gewesen sein.

In einem Bericht der Niederelbe-Zeitung aus den vergangenen Jahren wurde eine Zeitzeugin mit einem ähnlichen Hinweis zitiert: „dass nach dem Kriegsende die englischen Besatzer Arthur Samuel angeboten haben, dass er das Haus wieder zurückerhalten kann. Er habe jedoch abgelehnt, weil er das Haus schon verkauft habe“. Man ging wahrscheinlich davon aus, dass der Verkauf unrechtmäßig war und bot ihm deshalb die Rückgabe des Hauses an. Die ablehnende Haltung von Arthur Samuel erscheint in diesem Zusammenhang etwas unverständlich, wurde aber auch nicht erläutert.

Wenn man sich näher mit dem Widerspruch und den Daten beschäftigt, fällt auf, dass die Haltung von Arthur Samuel vielleicht doch einen gewissen Sinn ergeben könnte, weil die Verfolgung durch die Nazis hauptsächlich nach 1933 einsetzte. Der Auszug (ohne Verkauf!) der Samuels aus dem Haus Bahnhofstr. 2 erfolgte aber schon viel früher, so um 1928, was uns bisher nicht bekannt war.

Zur Klärung der Hintergründe des Hausverkaufs kann ein wichtiges Dokument vom 19.02.1988 von Frau von Ahn-Schlichting aus Cadenberge beitragen, das uns der Heimatpfleger G. Lunden im Sommer 2025 zur Verfügung stellte. Darin schildert die Zeitzeugin viele Details über die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Viehhändlers während der Inflationsjahre 1922/23 und die schwerwiegenden Folgen, die sich daraus ergaben.

Ausschnitt aus einem Brief von Elfriede von Ahn-Schlichting an Realschullehrer
Horst Vergin aus dem Jahr 1988 (Faksimile des Artikels)

Im Dokument werden die gravierenden Folgen der Inflation 1922/23 und der nachfolgenden Weltwirtschaftskrise geschildert, die insbesondere auch Arthur Samuel getroffen haben.
Im Viehhandel hatte er viele Ochsen zu hohen Preisen eingekauft, die nach der Inflation kaum noch etwas Wert waren, während im Gegensatz die Kosten für Grasung, Bahnfracht und Kreditzinsen der Sparkassen ins Unermessliche stiegen.

In dieser Notsituation geriet Arthur Samuel an den Spekulanten Schmidt aus Bremen, von dem er sich Geld auslieh. Dieser nutzte die Situation für sich aus und setzte Arthur finanziell erheblich unter Druck. Das hatte zur Folge, dass die Samuels sich gezwungen sahen, aus dem Neubau Bahnhofstr. 2 auszuziehen. Es wäre auch denkbar, dass die Räumung von den Kreditgebern als Sicherheit oder Pfändung des Gebäudes für ausgegebene Kredite verlangt wurde.
Trotz der großen finanziellen Probleme wurde das Haus zu diesem Zeitpunkt nicht verkauft.

Die Samuels wohnten vermutlich bis 1928 in der Bahnhofstr. 2 und zogen danach in die Bahnhofstr. 25.

Durch die Verfolgung als Jude in der Nazizeit seit 1933 wurde das Handelsgeschäft von Arthur stetig eingeschränkt, bis ihm schließlich 1937 die Lizenz entzogen wurde. Zeitweise ohne Einkünfte und dann zur Zwangsarbeit bei verschiedenen Baufirmen in Cadenberge eingesetzt, war es dem vormals erfolgreichen Geschäftsmann dennoch möglich, sein Haus zu behalten.

In Zusammenhang mit den Pogromen am 9. November 1938 wurde der Druck der Nazi-Regierung auf die jüdischen Bürger weiter gesteigert, um ihnen die Existenzgrundlage zu entziehen. Durch Verordnungen wurden sie gedrängt, ihre Gewerbebetriebe und ihren Grundbesitz zu verkaufen.

Bemerkenswert ist es, dass Arthur Samuel nach den Aussagen in seiner eidesstattlichen Erklärung von 1947 in der Pogromnacht keinerlei Gewalttaten an sich selbst erleiden musste, während zur gleichen Zeit die Nazis deutschlandweit Juden verletzten, töteten und ihre Häuser in Brand setzten. Dennoch wurde Arthur Samuel am nächsten Tag von der Gestapo verhaftet und musste drei Wochen im Gefängnis in Bremerhaven verbringen.

Viele Juden wurden in der Reichspogromnacht in Gefängnisse und Lager verbracht und dort drangsaliert oder misshandelt, so auch vermutlich Arthur Samuel. Die Mehrzahl der Männer wurde Ende des Jahres 1938 mit der Auflage entlassen, sowohl der raschen „Arisierung“ ihres Eigentums (Hausverkauf) zuzustimmen als auch Deutschland sobald wie möglich zu verlassen. Man muss davon ausgehen, dass Arthur sich dem Zwang zum Hausverkauf notgedrungen gebeugt hat, um aus dem Gefängnis Bremerhaven entlassen zu werden.

Einem Vermerk der Gemeinde Cadenberge, aufgrund einer Anfrage der Bezirksregierung Stade aus dem Jahr 1956, ist zu entnehmen: „Das jetzige Geschäftsgrundstück Bahnhofstr. 2 war früher sein (Arthur Samuel) Eigentum. Zum Verkauf desselben werden wirtschaftliche Schwierigkeiten angenommen. Hierzu hat ein Verfahren gelaufen. Es ist aber nicht bekannt, wo diese Unterlagen verwahrt werden“. Die in dem Vermerk genannten Gründe der „wirtschaftlichen Schwierigkeiten“ werden eine gewisse Rolle gespielt haben. Der Hauptgrund für die Durchführung eines „Verfahrens“ wird aber eher in der erzwungenen Zustimmung zum Hausverkauf zu finden sein.

Konkrete Einzelheiten über das Verkaufsverfahren oder des Kaufpreises sind nicht bekannt. Es wird auch keine Jahreszahl genannt. Vermutlich in den Jahren 1938 bis 1939 kam es zum Verkauf an den neuen Besitzer Tierarzt Dr. W. Warnecke aus Cadenberge. Ab 1951 folgte als Besitzer Kurt Kimpel, der in Cadenberge die erste Apotheke einrichtete.

Es ist davon auszugehen, dass unter diesen Umständen das Haus nur erheblich unter Wert verkauft werden konnte. Trotzdem hat er auch nach dem Krieg den Hausverkauf akzeptiert und nicht infrage gestellt. Das Angebot der englischen Besatzungstruppen, Arthur Samuel sein Haus zurückzugeben, unterstreicht noch einmal die als widerrechtlich wahrgenommenen Bedingungen des Hausverkaufs.

Wohnhäuser Bahnhofstr. 25 und Osterstr. 3 (früher Ostermoor 32)

Aufgrund der erheblichen finanziellen Schwierigkeiten während der Weltwirtschaftskrise mussten Arthur und Eugenie Samuel ihr Haus in der Bahnhofstr. 2 verlassen und zogen ca. 1928 in das damalige Strohdachhaus Bahnhofstr. 25.

Der Eigentümer Heinrich Schlichting wohnte gleich nebenan in der Bahnhofstr. 27. Das Gebäude Bahnhofstr. 25 war sein Fuhrgeschäft. Große Kaltblutpferde zogen schwere Wagen, mit denen überwiegend Stroh und Heu transportiert wurde. Da das Erdgeschoss hauptsächlich für das Fuhrwerk-Gewerbe genutzt wurde, blieb nur wenig Platz zum Wohnen im Obergeschoss. Diese Wohnbedingungen waren nicht so gut wie in der Bahnhofstr. 2, aber die Samuels hatten in dieser schweren Zeit kaum eine andere Wahl. Sie wohnten über zehn Jahre in diesem Haus.

Trotz der Verfolgung und aller Sorgen gelang es Arthur und Eugenie, eine bessere Alternative zum Wohnen zu finden. Eine große Hilfe war dabei sicherlich Rechtsbeistand Carl Wöst, der unmittelbare Nachbar in der Bahnhofstr.

Wahrscheinlich Anfang der 40er Jahre, in der ersten Phase des 2. Weltkrieges, bezogen die Samuels das Wohnhaus Osterstr. 3 (früher Ostermoor 32). Das genaue Einzugsdatum ist nicht bekannt. Im bereits o.g. Schreiben aus dem Rathaus Cadenberge heißt es weiter: „Herr Samuel nutzt hier Ostermoor 32, ein Einfamilienhaus. Eigentümer ist die Erbengemeinschaft Schaars in den USA (Verwalter Rechtsbeistand Carl Wöst). Während des Krieges wohnte der Antragsteller Arthur Samuel schon Ostermoor 32“. Bei den Schaars handelte es sich um eine jüdische Familie, die sich offenbar Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA niedergelassen hatte.

In dem Gebäude lebte das kinderlose Ehepaar zusammen bis zum Tod von Eugenie im Jahr 1956.

Acht Jahre später kam unser Mitautor Henry Irwig, der Großneffe von Arthur Samuel, als junger Student für einige Tage zum Besuch aus Südafrika und wohnte bei seinem Großonkel in diesem Haus.

Arthur Samuel starb 1971 im hohen Alter von 91 Jahren; als seinen letzten Aufenthaltsort wird in den Unterlagen das Kreisaltersheim Ihlienworth genannt.

Das Wohnhaus Osterstraße 3, in dem die Samuels ihren gemeinsamen Lebensabend verbracht haben.
(Foto: Privat)